Teil 5 meiner Hörgeschichte
Misophobie – Phonophobie – Placebo-Effekte und das kann doch gar nicht sein
So kamen sie: die ersten Hörgeräte (Signia Pure 7AX) mit ICP-Otoplastik als Lärmschutz.
Alles neu, alles ungewohnt, aber ich war motiviert und gespannt auf das, was nun alles besser werden würde. Schließlich hatte sich mit den einfachen Ohrstöpseln zuvor so viel positiv entwickelt.
„Ja, tragen Sie die Hörgeräte mal und schauen Sie“, lautete die Anweisung des Akustikers. Und: „Melden Sie sich, wenn Sie denken.“
Das erste Wochenende mit den Hörgeräten – und ich wollte es offenbar direkt genau wissen: Kreativmesse in Hessen.
Ja, was soll ich sagen? Das Ganze hatte so zwei Seiten. Alleine mit meinem Mann in der Wohnung war das ganz gut; ich habe ihn deutlich besser verstanden, musste weniger nachfragen, es war entspannt. ABER draußen, im Auto, auf der Messe, im Restaurant… Die Hölle!
Alles war brülllaut, und verstanden habe ich absolut NIX. Mein Kopf schien zu zerplatzen, es fühlte sich an wie unaushaltbar – aber man sagte mir ja, man müsse sich eben erst mal dran gewöhnen. Am Abend war ich völlig am Ende und einfach nur froh, die Hörgeräte wieder herausnehmen zu können.
Die Ohrstücke drückten, ich war völlig gestresst und frustriert, dahin war die schöne Ruhe in meinem Kopf.
Somit rief ich gleich montags bei Herrn Gibtsdochgarnicht an und meinte, ich brauche einen Termin, die Ohrstücke drücken und es ist alles viel zu laut. Noch in der Woche ging es mit dem höllenlauten Bus von Nürnberg nach Erlangen. Er schliff etwas an der Otoplastik und stellte an den Geräten etwas anderes ein.
Und was soll ich sagen? An der Grundsituation änderte sich nicht viel. Im Eins-zu-eins klappte das ganz gut, in allen anderen Situationen – nicht wirklich. Ich hatte jeden Tag Kopfschmerzen, war super angestrengt und genervt, der Nacken verspannt wie eigentlich alles andere an mir auch.
Mein Physiotherapeut, bei dem ich seit 18 Jahren bin, fand den Zustand jedenfalls nicht gerade berauschend – und wirklich verändern ließ er sich dadurch auch nur kurzfristig.
Die Wochen zogen ins Land, geändert hat sich nicht viel. Der Weg nach Erlangen ein- bis zweimal die Woche, weil es einfach nicht passte, drückte, zu laut war, ich nichts verstanden habe, wenn andere Geräusche dabei waren.
Ich denke, wenn ich im Eins-zu-eins nicht wirklich besser verstanden hätte, dann hätte ich da schon längst aufgegeben. Aber so fuhr ich Woche für Woche zum Nachstellen und Anpassen.
Auf die Signia Pure 7AX folgte ein Styletto 7IX, ein Signia Pure 7IX, noch ein weiteres Signia-Modell, dann mal testweise ein Beltone und schließlich ein Signia IX mit Bluetooth. Die Otoplastiken tauschten wir nach vier Wochen gegen Doms, weil mir meine eigene Stimme viel zu laut war und die Otoplastiken offenbar Druck auf mein Kiefergelenk ausübten, sodass dies immer wieder weh tat.
Mit den Doms war es dann zwar besser, aber die einen waren zu klein, die anderen zu groß, und auch hier dauerte es, bis wir etwas Passendes im Ohr hatten. Beim Beltone drückte selbst der Dom so sehr, dass ich wieder auf Signia wechselte.
Woche um Woche: Fahrzeit, Kopfschmerzen, neue Einstellungen, wieder Kopfschmerzen, Frust…
Meine Rede: „Es ist zu laut – es ist alles laut – ich verstehe nichts, wenn da andere Geräusche sind…“
Daraufhin vom Akustiker: „Ah, das ist eine Phonophobie.“ – Äh, nein! Ich habe keine Angst vor den Geräuschen, es ist mir einfach nur zu LAUT!
Trotz allem war ich happy, dass ich im Eins-zu-eins nicht mehr nachfragen musste und alles gut verstand. Meine Freude darüber war groß.
Und dann fiel er das erste Mal, der Kommentar: „Das kann gar nicht sein, dass das so viel besser ist bei der Einstellung, die ist so minimal, das kann nicht so viel Verbesserung bringen… das ist sicher ein Placebo-Effekt.“
Und da war sie, die Irritation, das erste Mal so richtig greifbar. Mh, aber ich hör doch besser, warum sagt er das?
Es blieb nicht bei dem einen Mal. Aber was blieb und stetig mehr wurde, waren die Erschöpfung, die Kopfschmerzen, die Anspannung und die wöchentlichen Fahrten nach Erlangen. Jeweils begleitet von: „Melden Sie sich einfach wegen eines neuen Termins.“
Mir fehlte zunehmend der rote Faden, der Plan, die Perspektive. Das Ganze ging nun schon seit drei Monaten, x Hörgeräte später, aber ohne wirkliche Veränderung.
Dafür mit umso mehr Zweifeln und einer massiv zunehmenden Erschöpfung.
